Als Tischler trat er letztmomentlich die Karriere eines Klavierbauers an, bevor er sich stattdessen einer Schauspielschule zuwendete. Ohne formelle Bildung entdeckte er das Filmmachen auf eigene Faust und war gelegentlich während der Dreharbeiten von eigenen Werken sogar fehlende Präsenz. Bei den österreichischen Autorenfilmen steht Ludwig Wüst durch seine einzigartige Position herausgefordert. Kurz vor seinem sechzigsten Lebensjahr am 29. April soll ihm großes Anerkennungszeichen zuteilwerden. „Doch es gibt immer Raum zum Steigen“, meint er lachend im APA-Gespräch.
Das Treffen verläuft im Rahmen der Kino-Veranstaltungen von Metro Kinokulturhaus in Wien. Am nächsten Dienstag (22. April) wird dort das Erscheinen eines neuen Buches gefeiert, welches nicht nur seine bislang 13 Filme sondern auch erste Beispiele seines visuellen Schaffens unter die Lupe nimmt. Zum Ende seiner Rückblicksserie „Wüst.Werk.Schau“ am 1. Mai soll sein aktueller Streifen „#Love“ vorgestellt werden. Dieser war bereits beim Hofner Filmtage Premiere gemacht worden und fand anschließend während der Diagonale-Festivalveranstaltung in Graz seine österreichische Erstvorstellung. Zudem erhält er schon am 27. April seine Wiener Vorführung im Filmmuseum. In diesem Museum ist es ihm zu verdanken gewesen, dass er regelmäßig Gast war und sich dabei solchen Hingabe an klassische Werke des Films verschrieb, dass er schließlich aufgefallen ist – insbesondere durch die Beachtung seitens Alexander Horwath, dem Leiter des Museums jene Zeit. Ludwig Wüsten Tätigkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie vollständig ausgeführt wird, ohne jegliche Hemmungen oder halbe Sachen.
Beim Filmmachen treffen sich alle Elemente.
"Während meiner Erfahrungen in verschiedenen Berufen – Holzverarbeitung, Schauspielerei, Musik, Bühnenleitung und schließlich Filmmacherei – kann ich feststellen: Der Filmschnitt vereint all diese Fertigkeiten. Diesen Weg wähle ich zur Selbstidentifikation. Ohne formelle Ausbildung entwickelte ich mich selbstständig weiter. Jeden Tag bemühe ich mich darum, eine neue Sichtweise meines Lebensraums zu finden", erklärt Wüst, der 1965 im bayrischen Vilseck als eines von dreien geboren wurde und unter insgesamt sieben Geschwistern in dem Ort Schlicht aufgezogen worden ist. Nach Abschluss dieser aufrührerischen 'Familientradition' aus alten Zeiten wurden den Großvätern einen 200 Jahre alten Bauernhof durch seinen Vater, der lieber Kostümgestalter anstatt Landwirt geworden wäre, niedergelegt und die Familie kam nicht mehr zusammen.", so Wüst berichtet über seine Kindheitserinnerungen.
Ludwig absolvierte in Bayern eine Lehre als Tischler und strebte an, bei dem bekannten Klavierseniher Bösendorfer in Wien einzutreten. Bereits während seiner Schulzeit, wenn er ins Waldland zog, um dort zu malen, faszinierten ihn andere künstlerische Berufe. Einmal, nachdem er seinem Freun beim Vorsprechen für ein Musikstück auf dem Piano geholfen hatte, entdeckte er seine Leidenschaft für das Musicalwesen – dies schließlich zur Bühnenreifeprüfung im Jahr 1990 führend, wo er als Schauspieler glänzte. Trotzdem wählte er den Weg der Regietätigkeit und verehrte Peter Zadek und Peter Stein wie Götter, traf Heiner Müller und baute einen Ruf innerhalb der Wiener Kultur- und darüber hinausreichenden Kunstszene aus.
Filmdrehs nach Theatermethoden
Heute noch, wo seine Aufmerksamkeit hauptsächlich dem Film gilt, möchte er diese Zeiten niemals verpassen. „Diese Schulausbildung fürs Theater kann man mit nichts austauschen. Jeden Kollegen, der Filmschuft betreibt, rate ich an, mindestens zwei Jahre am Theater tätig zu sein.“ Diese außergewöhnliche Herangehensweise, bei der sich Regisseur Ludwig Wüst völlig anders als üblich intensiven Diskussionen und Proben widmet, um dann im entscheidenden Augenaugenblick freizügiger voranzuschreiten, lässt das alles deutlich werden. Während des Drehs seiner bekannteren Werke wie „Tape Ende“ (2011), „Mein Vaterhaus“ (2013), „Um Punkt Halbzehn“ (2020) oder „Ich Bin Hier!“ (2023), blieb er häufig abwesend, wenn die Kamera lief. „Die vierzig Bühnenstücke hätten mir ohne Frage keinen solchen Glauben in meine Darsteller schaffen lassen können; sie sagten stets: ihr seid fantastisch – während ich mich zum Dreh zurückgehalten habe.“
Solche ungewöhnlichen Arbeitsmethoden können nur jemandem gelingen, der etwas Außerordentliches im Sinn hat. „Ich habe mich nie wirklich in diese komplexen Strukturen vertieft. Mein isoliertes Arbeiten ist nur möglich, da ich keinerlei Bindungen zu einer Produktionsfirma habe. Dies ermöglicht eine maximale Freiheit.“ Inzwischen hat er ein Netzwerk von engagierten Kollegen um sich versammelt, insbesondere die Produzentin Maja Savic, mit denen er seine Vorhaben gestaltet und verwirklicht. Wüst könnte dies auch elegant formulieren: „Das menschliche Wesen bildet meinen zentralen Gegenstand ab. Ich kann mich dieser fantastisch-schrecklichen Thematik nähern, ohne dass ich Anlass zur Vorsicht gegenüber anderen oder mir selbst sehe. Dafür benötige ich Schauspieler, welche mutig genug sind, ihr Vertrauen mir anzubieten.“ Diese Zusammenarbeit beinhaltet regelmäßig wöchentliche Besprechungszeiträume für Szenarienvorschläge sowie Lektionen des Dialogs – einen Grad an Beachtung, den man bei Filmdarstellern anderswo oft bedauerlicherweise fehlen sieht.
Entscheidung in der Wüste
Für seine Wahl, ohne entsprechende Vorbildung einFilmregisseur zu werden, hat Ludwig Wüst seinen persönlichen Erleuchtungsmythos entwickelt: Im Jahr 1997 sei er während eines Theaterfestivals in Ägypten auf eine Reise ins Sinai-Wüstenland gegangen – mit „Der Fall Franza“ unterm Arm. Dieser Moment habe sein Leben verändern sollen, erklärt er: „In der Wüste wurde ich zum Filmschaffenden.“ Sein 66 Minuten dauernder Film „Ägyptische Finsternis“, inspiriert von dem Romansplitter „Ingeborg Bachmanns Der Fall Franza“, markierte 2002 den Beginn einer Serie eigensinniger Filme. Diese streben uneingeschränkt die Visionen ihres Regisseurs an und lassen keine Scheu vorExperimente kennen.
"Endband", wo der Regisseur seine ehemalige Partnerin zu einem Vorsprechen eingeladen hat, wurde innerhalb von einer Stunde in einer einzigen Aufnahme ohne Schnitte unter Verwendung einer fest installierten Kamera gedreht. „3:30 Uhr“, das erneute Treffen zweier Freunde, wird durch eine Bodycam angelegt, die am Schauspieler befestigt ist ("Für diese Arbeit bekam ich beim Festival einen Preis für die beste Kameraführung, auch wenn ich im Film selbst den Kameraman weggelassen hatte."). „Ich bin hier!“ wurde vollständig als Videofilm gedreht und geschnitten und erst ein Jahr später ergänzt durch zusätzlichen Filmmaterialien. Der Regisseur beschreibt es so: „Das ist eines meiner Favoriten“. Er betont dabei sorgfältige Planung sowie maximale Effizienz während des Drehbuchs: „Bei mir gibt es nur sehr wenige Durchgänge – eins, zwei, drei. Ab vier oder fünf nehme ich schon Anzeichen dafür wahr, dass etwas schief gelaufen sein könnte. Das Ganze sollte wie ein spontaner kreativer Akt fließen.“
Ich habe noch viele Pläne.
Mit seinem neuesten Werk "#Love" hat Wüst seinen unverblümten Ansatz noch einmal intensiviert. Diese Collage aus verschiedenen Stilen und ästhetischen Elementen ist zugleich eine Reflexion über die Liebe, die traditionelle Vorstellungen immer wieder infrage stellt. Sie fordert vom Publikum einen tiefgründigen und konzentrierten Blick, der sich bewusst gegen gängige Betrachtungsweisen richtet. Dieser Weg werde er fortsetzen: „Ich fühle mich auf einem korrekten Kurs, der jedoch noch nicht abgeschlossen ist. Hoffentlich stehe ich erst am Anfang meiner Reise, da es noch so vieles gibt, was ich erreichen möchte. Die Arbeit macht mir Freude – und sie nimmt mich vollständig gefangen.“
Aus seinen etwa „zehn filmischen Projekten“ ist „Erde“ das umfangreichste: „Arbeite an diesem Projekt seit ungefähr zehn Jahren. Der Film soll in den kommenden fünf bis zehn Jahren realisiert werden.“ Ludwig Wüst hat seine Arbeit am Theater ebenfalls noch lange nicht beendet. „Die Leidenschaft für das Theater hat sich niemals gelegt. Jederzeit werde ich erneut ans Theater zurückkehren, sobald man mich ruft. Jeden Anruf freue ich mich zu hören! Darüber hinaus plane ich immer noch mein ‚Faust‘-Projekt und wünsche mir 2028, während des Schubertiaden-Jahres, die Inszenierung der ‚Winterreise‘ durchführen. Diese sogar bereits mal unbegleitet im Sterbezimmer Schuberts vortrug. Ursprünglich hatte ich vor, Lieder-Sänger zu werden.“
Holzstücke und Schauspieler
Und auch so manches Holzstück wird wohl noch von Ludwig Wüst bearbeitet werden. In seinem Wiener Atelier können Holzarbeiter wie Künstler arbeiten, und Holz-Lectures zählen mittlerweile zum festen Bestandteil umfassender Personalen des Vielarbeiters mit den vielen Talenten. Vom Japaner George Nakashima habe er gelernt, "die Schönheit des rohen Holzes zu verwenden und möglichst nicht zu verändern", erzählt Wüst. "Dasselbe versuche ich auch bei Schauspielern."
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
(APA)